Destinationsmanagement

Was Brandenburg jetzt wirklich bewegen müsste

27.10.2026
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Von Andreas Reiter

Zukunftsforscher Andreas Reiter fasst in seinem Abstract den Brandenburgischen Tourismustag 2026 zusammen.

Eine Destination ist ein co-kreatives Resonanz- und Erlebnis-System, in dem die Akteure voneinander abhängig sind und in Wechselbeziehung stehen. Da sich Grenzen zwischen Lebens- und Erlebnisraum, Arbeit und Freizeit auflösen, und da der Tourismus öffentliche Räume und Güter monetarisiert, haben Destinationen und touristische Akteure eine Verantwortung gegenüber ihrer Region (Destination Stewardship).

Gleichzeitig ist der Tourismus ein wichtiger Treiber der regionalen Entwicklung, er stärkt lokale Wertschöpfung, sichert den Standort, erhöht die Aufenthaltsqualität, sorgt (bestenfalls) für lebendige Orte usf. Tourismus zahlt unmittelbar auf das gute Leben ein. Hier gilt es ein starkes Binnen-Narrativ aufzubauen und dieses selbstbewusst an Politik, Verwaltung und Bevölkerung etc. zu kommunizieren.

Der Tourismus bleibt eine Wachstumsbranche, lineare Entwicklungen gehören aber zunehmend der Vergangenheit an. Wir erleben in vielen Destinationen aktuell Wachstum und Störungen gleichzeitig. Wir erleben die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, oft innerhalb ein und derselben Destination.

Brandenburgischer Tourismustag 2026 - Andreas Reiter
Quelle:

TMB-Fotoarchiv

Steven Ritzer

Resilienz wird in Zeiten des Umbruchs und angespannter öffentlicher Haushalte zur Schlüsselkompetenz im Tourismus. Um Resilienz aufzubauen, braucht es ein Verständnis für systemisches Handeln.

Andreas Reiter

Sechs zentrale Handlungsfelder: 

  1. Zukunft gemeinsam gestalten - statt auf den Staat zu warten! Zukunft entsteht in Co-Kreation von Wirtschaft, Tourismus, öffentlicher Hand und Wissenschaft. Dafür braucht es partizipative Governance, Vertrauen und Selbstwirksamkeit (Agency). Akteure müssen Selbstwirksamkeit spüren, Veränderungen (auch mit z.B. einem Projektbudget) proaktiv selbst gestalten. Nur wer sich verantwortlich für den eigenen Lebensraum fühlt, gestaltet aus dieser Haltung heraus gemeinsam mit anderen die Zukunft. 
     
  2. Destinationen sind sozial-ökologische Systeme, in diesen nehmen Störungen und Risiken zu. Daher müssen neue agile Governance-Modelle entwickelt werden, dualistische Organisations-Modelle mit einem stabilen Kern und projektorientierten Taskforces. Es braucht eine starke Visitor Economy, also kollaborative Netzwerke (umsetzungsstark!), ein dichtes Ökosystem und – unbedingt – zweckgebundene Gästebeiträge (z.B. zur Finanzierung von Mobilität im ländlichen Raum, die ALLEN zugutekommt, Gästen wie Einheimischen: in vielen z.B. österreichischen Bundesländern ist der ÖPNV flächendeckend kostenlos für Gäste (über eine zweckgebundene zusätzliche Abgabe auf die Übernachtungssteuer u.a.), Mikromobilität (wie Ruftaxis, E-Scooter in Kommunen etc. sind ebenfalls inkludiert und stehen auch Einheimischen (gegen Gebühr) zur Verfügung. So entsteht systemische Relevanz des Tourismus! 
    Angesichts einer volatilen Gesamtlage und angespannter Haushalte, gilt es sich resilient und mit innovativen Geschäfts- und Finanzierungsmodellen für die Zukunft aufzustellen. Resilienz kann nur kollaborativ, durch System-Partnerschaften aufgebaut werden – zwischen Politik, Kommunen, Tourismus, Wirtschaft und den Betrieben… 
     
  3. Wirkung vor Volumen! Die systemische Relevanz des Tourismus muss für Politik und Gesellschaft sichtbarer und prägnanter dargestellt werden. Die Zukunft gehört einer neuen Wirkungslogik: Welchen messbaren Beitrag leistet Tourismus zur wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Zukunftsfähigkeit einer Region? Nicht allein das Gäste-Volumen (Ankünfte, Nächtigungen, Tourismusintensität etc.) zählt, sondern was diese bewirken. Nachhaltigkeit sichert die Grundlagen einer lebenswerten Zukunft. Regeneration geht einen Schritt weiter: Sie will regionale Systeme aktiv stärken und erneuern. Nicht allein die Reduktion negativer Auswirkungen entscheidet über den Erfolg von Tourismus, sondern der messbare positive Beitrag zur Zukunftsfähigkeit der Region. Die Wirkung. Neben etablierten Messzahlen (Ankünfte, ÜN, Intensität etc.) sind ganzheitliche Wirkungs-Kennzahlen erforderlich. Die Zukunft gehört dem Regenerativen Tourismus, wenn er die Zukunftsfähigkeit einer Region messbar stärkt und zugleich die Gäste-Experience verantwortungsvoll attraktiv gestaltet:
    - höhere regionale Wertschöpfung
    - Stärkung lokaler Kreisläufe
    - Schutz und Regeneration von Natur/Biodiversität
    - verantwortungsvolle Guest Experience
    - tragfähige Beziehungen zwischen Gästen, Gastgebern und der Bevölkerung. 
     
  4. In Systemen denken, nicht in Saisonen! Mehr Wertschöpfung und längere Aufenthalte erfordern innovative Angebote und verdichtete Erlebnissysteme entlang der Customer Journey. Gerade in ländlichen Regionen braucht es eine sektorübergreifende Entwicklungsstrategie für Gastronomie, Beherbergung, Freizeit, Mobilität und Kultur - inklusive gezielter Gründungs- und Innovationsförderung. Denn touristische Infrastruktur stärkt auch die Lebensqualität und Standortattraktivität für Fachkräfte und Familien. Wo Infrastruktur schwindet, geraten auch gesellschaftlicher Zusammenhalt und demokratische Teilhabe unter Druck. 
     
  5. Regionale Produkte als touristischer Wertschöpfungshebel. Der moderne Tourist ist ein Reisender, der den touristischen Modus hinter sich lassen will. Dieser Gast sucht berührende „Deep-Dive“-Momente, will „Einheimischer auf Zeit“ sein und in lokale Gemeinschaften eintauchen. Life Seeing statt Sight Seeing. Nirgendwo ist die „Destination Alltag“ so greifbar wie beim Thema Kulinarik und Genuss. Kulinarik ist das trojanische Pferd für authentische Erlebnisse und regionale Alltagskultur. Essen und Trinken ist ein soziales Ereignis. Diesen analogen Erlebnissen gehört die Zukunft, die ja immer stärker KI-getrieben sein wird. Wenn KI immer mehr Güter, Inhalte und Dienstleistungen günstiger, schneller und massenhafter verfügbar macht, verschieben sich Knappheit und wirtschaftlicher Wert dorthin, wo Produkte und Dienstleistungen zu echten Beziehungsangeboten werden und Orte zu sozialen Resonanzräumen. Damit werden künftig jene Branchen besonders nachgefragt, in denen eine reale und emotionale Begegnung zwischen Menschen erfolgt: Gastronomie, Kultur, Events, Hospitality (Relational Economy). 
     
  6. Mehr Experimente! Wo Zukunft ungewiss ist, helfen keine starren Masterpläne. Es braucht Experimentierfreude, Reallabore und den Mut, Neues auszuprobieren. „Dont play whats there; play whats not there“ (Miles Davis).