Qualität, die Kreise zieht: Elbe-Elster als Good Practice
Der Tourismusverband Elbe-Elster-Land e.V. und der Landkreis Elbe-Elster wurden eingeladen, ihre Erfahrungen im Rahmen der Thüringer Radverkehrskonferenz am 30. September vorzustellen.
Im Mittelpunkt des Interesses stehen die Umsetzung des Qualitätsmanagements für Rad- und Wandertouren, die Anwendung der Tourenkriterien des Netzwerkes Natur-Aktiv/TMB sowie das dafür genutzte LEADER-Projekt. Das Beispiel zeigt, wie durch regionale Kooperation, systematische Qualitätsentwicklung und gezielte Finanzierung hochwertige touristische Angebote entstehen können, die inzwischen auch bundesweit Aufmerksamkeit erhalten.
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Interview
Dirk Wetzel (TMB Tourismus-Marketing Brandenburg GmbH) hat bei den beiden Projektverantwortlichen Tina Faber (Landkreis Elbe-Elster) und Bettina Oecknigk (Tourismusverband Elbe-Elster-Land) nachgefragt, was es damit auf sich hat.
Warum ist ein systematisches Qualitätsmanagement bei touristischen Infrastrukturen und Tourenangeboten überhaupt notwendig?
T. Faber: Qualität ist im Tourismus längst kein Zusatz mehr, sondern eine Grundvoraussetzung für ein gutes Gästeerlebnis und damit ein wichtiger Wettbewerbsfaktor. Gerade bei Rad- und Wandertouren erwarten Gäste, dass Wege sicher und gut nutzbar sind, die Orientierung funktioniert und die Informationen zur Tour aktuell und verlässlich sind.
Aus Sicht der Tourismusförderung geht es deshalb darum, die Qualität des gesamten touristischen Angebots im Blick zu behalten. Eine Route muss als Gesamtprodukt funktionieren: von der Wegequalität und Beschilderung über die digitale Auffindbarkeit bis hin zu touristischen Anlaufpunkten, Gastronomie und weiteren Serviceangeboten.
Ein systematisches Qualitätsmanagement schafft dafür eine gemeinsame Grundlage. Es macht Stärken und Schwächen sichtbar, hilft bei der Priorisierung von Verbesserungen und ermöglicht eine kontinuierliche Weiterentwicklung. Gleichzeitig ist es eine wichtige Voraussetzung für die Vermarktung: Was wir unseren Gästen als hochwertige Tour empfehlen, sollte dieses Versprechen auch tatsächlich einlösen.
Das Netzwerk Natur-Aktiv und die TMB haben Qualitätskriterien für Rad- und Wandertouren entwickelt. Welchen Mehrwert bieten diese Kriterien für die Regionen?
B. Oecknigk: Die Kriterien des Netzwerkes Natur-Aktiv und der TMB schaffen einen gemeinsamen Qualitätsrahmen für die Natur-Aktiv-Themen Rad, Wandern und Wasser in Brandenburg. Für uns als Tourismusregion ist das besonders wertvoll, weil Qualität damit nicht subjektiv beurteilt wird, sondern anhand nachvollziehbarer Kriterien.
Für eine einzelne Tour bedeutet das eine strukturierte Prüfung: Wie ist die Wegequalität? Ist die Route durchgängig und sinnvoll geführt? Funktioniert die Ausschilderung? Ist die Tour für die definierte Zielgruppe geeignet? Sind relevante touristische Anlaufpunkte vorhanden? Und ist die Tour auch digital gut auffindbar? Kriterien und einheitliche Standards helfen uns, Stärken und Handlungsbedarfe systematisch zu erfassen.
Der große Mehrwert liegt aber auf der Landesebene. Die Regionen arbeiten mit einem gemeinsamen Qualitätsverständnis und die Angebote werden dadurch vergleichbar. Für die Gäste entsteht ein Qualitätsversprechen, für die Regionen eine konkrete Arbeitsgrundlage – und für die Vermarktung hochwertiger Touren mehr Glaubwürdigkeit.
Sie haben die Qualitätsprüfung der Touren über ein LEADER-Projekt umgesetzt. Wie sind Sie dabei konkret vorgegangen und welche Rolle spielte die Förderung?
B. Oecknigk: Ausgangspunkt war die Frage, wie wir die neuen landesweiten Qualitätskriterien in der Reiseregion Elbe-Elster praktisch anwenden und gleichzeitig einen dauerhaften Qualitätsprozess aufbauen können. Bis dahin gab es für unsere Rad- und Wanderrouten keine flächendeckend einheitlichen Qualitätskriterien.
Nach der Projektskizze und dem positiven Votum der LAG Elbe-Elster wurde der LEADER-Förderantrag im Juni 2024 bewilligt. Anschließend wurden die beteiligten Kommunen und Partner eingebunden und die zu prüfenden Routen vorbereitet.
Von Oktober 2024 bis Juni 2025 wurden die Touren vor Ort anhand der Kriterien und Checklisten geprüft. Die dabei erhobenen Daten wurden analog und digital erfasst, systematisch aufbereitet und anschließend anhand der Kriterien ausgewertet. Daraus wurden konkrete Handlungsbedarfe und mögliche Maßnahmen zur Qualitätsverbesserung je Route abgeleitet. Erfolgreich geprüfte Routen wurden anschließend digital für DAMAS (zentrale Datenbank für Points of Interest (POIs) im Reiseland Brandenburg) und Komoot aufbereitet.
LEADER war dabei ein entscheidender Baustein, weil wir mit der Förderung die notwendigen Ressourcen für die systematische Analyse und Konzeptentwicklung schaffen konnten. Der Tourismusverband trägt den Eigenanteil und eigene Personalkosten, die Tourismusförderung des Landkreises begleitet das Projekt ebenfalls. Aus dem Projekt ist schließlich ein lokales Konzept mit einem Maßnahmenkatalog für anschließende Umsetzungsschritte entstanden.
Ein wichtiger Erfolgsfaktor scheint die Zusammenarbeit vieler Akteure in der Region gewesen zu sein. Was hat diese Kooperation aus Ihrer Sicht erfolgreich gemacht?
T. Faber: Ein wesentlicher Erfolgsfaktor war aus meiner Sicht, dass die Aufgaben nicht bei einem Akteur allein lagen. Der Tourismusverband hatte die Rolle des Projektträgers und der fachlichen Umsetzung, der Landkreis brachte die Perspektive der regionalen Tourismusentwicklung und die Verbindung zu weiteren Verwaltungs- und Fachbereichen ein. Die Kommunen waren für ihre jeweiligen Gebiete und die dortige Infrastruktur wichtige Partner.
Genauso bedeutend waren die weiteren Netzwerke und Fachakteure – etwa Tourist-Informationen, Naturpark, Gästeführer, TMB und LAG. Die Stakeholder-Map, die wir im Rahmen des Projektes erstellt haben, macht deutlich, dass die Akteure ganz unterschiedliche Wirkmacht und Beteiligungsgrade haben. Entscheidend ist deshalb nicht, alle gleichermaßen einzubinden, sondern zu wissen: Wer muss wann beteiligt werden, wer kann Entscheidungen beeinflussen und wer bringt welches Wissen mit?
Die Zusammenarbeit funktioniert besonders dann gut, wenn ein gemeinsames Qualitätsverständnis vorhanden ist, Zuständigkeiten klar sind und es regelmäßigen Austausch gibt. Gerade bei touristischer Infrastruktur stoßen wir schnell auf viele unterschiedliche Zuständigkeiten. Qualitätssicherung braucht deshalb Vernetzung und zugleich jemanden, der den Prozess zusammenhält.
Landkreis Elbe-Elster & Tourismusverband Elbe-Elster e.V.
Sie haben Ihre Erfahrungen bereits auf der Landesradverkehrskonferenz Brandenburg vorgestellt und nun besteht Interesse aus anderen Bundesländern. Worauf führen Sie diese Aufmerksamkeit zurück?
T. Faber: Ich glaube, die Aufmerksamkeit hängt vor allem damit zusammen, dass unser Ansatz sehr praxisnah und gut übertragbar ist. Wir haben kein theoretisches Qualitätsmodell entwickelt, sondern bestehende Rad- und Wandertouren tatsächlich vor Ort geprüft und aus den Ergebnissen konkrete Handlungsbedarfe abgeleitet. Genau das haben wir auf der Landesradverkehrskonferenz Brandenburg vorgestellt.
B. Oecknigk: Gleichzeitig verbindet das Projekt zwei Dinge, die in der Praxis häufig zusammen gedacht werden müssen: Qualitätsmanagement und Finanzierung. Die Kriterien geben uns eine klare Richtung, der Routencheck zeigt den konkreten Handlungsbedarf und über Fördermöglichkeiten können daraus anschließend Verbesserungsmaßnahmen entstehen. Genau diese Verbindung macht den Ansatz für andere Regionen interessant.
T. Faber: Hinzu kommt der Netzwerkgedanke. Qualität von Rad- und Wanderangeboten kann eine Tourismusorganisation nicht allein sichern. Es braucht Kommunen, Infrastrukturverantwortliche, Fachstellen, touristische Akteure und Förderpartner. Unser Beispiel zeigt, dass aus dieser Zusammenarbeit ein gemeinsamer Prozess entstehen kann. Dass wir damit auch Impulse über Elbe-Elster hinaus geben, freut uns natürlich sehr.
Welche nächsten Schritte sehen Sie für die Qualitätsentwicklung der Rad- und Wanderangebote in Elbe-Elster und welche Empfehlungen würden Sie anderen Regionen mitgeben?
T. Faber: Ein wichtiger Punkt ist für uns die Nachhaltigkeit des Qualitätschecks. Das Projekt soll kein einmaliger Prüfprozess bleiben. Die Qualitätskriterien sollen auch künftig bei neuen und bislang nicht geprüften Routen angewendet und bestehende Touren regelmäßig überprüft werden. So soll das erreichte Qualitätsniveau langfristig gesichert und weiterentwickelt werden. Genau diese dauerhafte Anwendung der Kriterien ist auch im Projekt als Ziel verankert.
B. Oecknigk: Ein weiterer Schwerpunkt ist die Digitalisierung. Die beim Routencheck erhobenen Daten sollen nicht nur intern für die Qualitätsentwicklung genutzt werden, sondern auch dazu beitragen, dass Gäste aktuelle und möglichst umfassende Informationen zu den Touren erhalten. Die Übertragung erfolgreich geprüfter Routen in DAMAS und Komoot ist dafür ein wichtiger Baustein.
Im Rahmen des Projektes und auch bei der Erarbeitung unserer neuen Tourismuskonzeption ist zudem deutlich geworden, dass wir für diese kontinuierliche Qualitätssicherung dauerhafte personelle Strukturen und klare Zuständigkeiten brauchen. Dabei sehen wir insbesondere den Bedarf für einen Kreiswegewart, der sich kontinuierlich mit Zustand, Beschilderung und Qualität der touristisch relevanten Wege beschäftigen kann. Dieses Thema möchten wir nun aktiv weiterverfolgen und gemeinsam mit den relevanten Partnern in der neu gegründeten AG Rad und Wandern angehen.
T. Faber: Unsere wichtigste Empfehlung an andere Regionen wäre deshalb: anfangen und gemeinsam anfangen. Man muss nicht sofort die gesamte Region überprüfen. Ein Pilotprojekt oder einige ausgewählte Touren können ein guter Einstieg sein. Wichtig ist, von Beginn an die richtigen Partner einzubeziehen, Zuständigkeiten zu klären und die spätere Finanzierung von Verbesserungsmaßnahmen mitzudenken.
T. Faber: Wichtigste Erkenntnis aus unserem Projekt:
Qualitätssicherung ist keine einmalige Maßnahme und keine Aufgabe eines einzelnen Akteurs. Sie ist ein dauerhafter Prozess, der Organisation, Kooperation und Ressourcen braucht.
Herzlichen Dank für diesen intensiven Austausch und den damit verbundenen Blick hinter die Kulissen.
Tina Faber
Bettina Oecknigk
Tourismusverband Elbe-Elster-Land e.V.
Schlossplatz 1
03253 Doberlug-Kirchhain
Deutschland