Virtuelle Geschichten am echten Ort
Brandenburg steht seit Jahren für erfolgreiche digitale Besucherkommunikation. Nun testet das Land den nächsten Schritt: Augmented Reality (AR) kann das Reiseerlebnis durch digitale Zusatzebenen erweitern und standortbezogene Geschichten auf völlig neue Weise erzählen. Worauf es dabei ankommt, berichten zwei Projektbeteiligte.
Augmented Reality erobert den Brandenburg‑Tourismus
Das Projekt „Entwicklung von Augmented-Reality-Demonstratoren im Brandenburg‑Tourismus“ wurde von der TMB Tourismus-Marketing Brandenburg initiiert, um den praktischen Nutzen der Technologie zu erforschen und greifbare Beispiele für touristische Anbieter zu schaffen. Ziel war es, verschiedene Einsatzszenarien zu entwickeln, zu testen und damit Inspiration sowie technische Orientierung für Destinationen zu bieten.
Nach einer intensiven Konzept‑, Design‑ und Testphase sind nun sechs Demonstratoren fertiggestellt und vor Ort erlebbar. Sie zeigen, wie AR im Tourismus Information, Emotion und Interaktion zusammenführen kann – und welche neuen Chancen sich daraus für Besucherinformation, Bildung und Marketing ergeben.
Wir haben zwei Projektbeteiligte aus regionalen Tourismusorganisationen nach ihren Erfahrungen mit der Technologie gefragt.
Drei Fragen an Jennifer Ehm, Seenland Oder-Spree e.V.
Jennifer Ehm vom Seenland Oder-Spree e.V. ist Ideengeberin für die Erlebnis-Radtour „Adler trifft Zander“, die durch AR interaktiv erlebbar wird: Drei Stationen vermitteln Wissen über Flora, Fauna, nachhaltige Fischerei und regionale Produkte. Drohnenaufnahmen, multimediale Inhalte und kleine Quiz-Elemente führen die Nutzerinnen und Nutzer direkt in die Landschaft.
Tourismusnetzwerk: Die Radtour "Adler trifft Zander" gibt es schon länger. Was hat euch bewogen, ausgerechnet diese Tour für die AR-Anwendung auszuwählen?
Jennifer Ehm: Im Rahmen unseres Erlebnisraumprojektes arbeiten wir derzeit intensiv daran, die „Adler trifft Zander“-Tour touristisch weiter aufzuwerten. Dafür wurde nicht nur die Beschilderung modernisiert, sondern es wurden auch gezielt verschiedene Stationen ausgewählt, die Radfahrenden ein besonderes Erlebnis bieten sollen. Gleichzeitig vermitteln sie spannende Hintergrundinformationen sowie besondere Geschichten rund um die Landschaft, die Flora und die Fauna der Region. Auf dieser Grundlage haben wir uns entschieden, bereits ausgearbeitete Inhalte und Storys digital weiterzudenken und drei der insgesamt 14 Stationen mit Augmented-Reality-Elementen auszustatten. So können Besucherinnen und Besucher die Inhalte künftig noch interaktiver und eindrucksvoller erleben.
Screenshot aus der AR Anwendung "Adler trifft Zander"
Tourismusnetzwerk: Was genau kann die AR-Technologie auf dieser Tour sichtbar machen, was sonst verborgen bleibt?
Jennifer Ehm: Die AR-Technologie ermöglicht es, die reale Umgebung digital zu erweitern und Geschichten direkt vor Ort erlebbar zu machen. So können an einem Steg, an dem die Radfahrenden anhalten, plötzlich virtuelle Figuren wie ein Ranger oder ein Fischer erscheinen, die spannende Informationen vermitteln und die Besonderheiten der Umgebung auf lebendige Weise erklären.
Dadurch entsteht eine ganz neue Form der Wissensvermittlung: Die Besucherinnen und Besucher erhalten nicht nur Informationen, sondern tauchen direkt in die Geschichte und die Atmosphäre des Ortes ein.
Tourismusnetzwerk: Aus Sicht einer Destination, worauf gilt es besonders zu achten, wenn man Augmented Reality touristisch nutzen möchte?
Jennifer Ehm: Da Anwendungen mit Augmented Reality bislang noch nicht überall selbstverständlich genutzt werden, ist es wichtig, mögliche Hemmschwellen bei den Gästen abzubauen. Deshalb spielt die begleitende Kommunikation und Bewerbung des Angebots eine entscheidende Rolle.
Wir möchten die Besucherinnen und Besucher bereits im Vorfeld gut informieren und erklären, wie die Anwendung funktioniert – beispielsweise, dass vorab eine App heruntergeladen werden muss. So schaffen wir Transparenz, erleichtern den Einstieg in die Nutzung und sorgen dafür, dass die Gäste das digitale Erlebnis unkompliziert und mit Freude nutzen können. Optimaler wäre es natürlich, wenn die Anwendung webbasiert funktionieren würde.
Jennifer Ehm
Seenland Oder-Spree e. V.
Ulmenstraße 15
15526 Bad Saarow
Deutschland
Drei Fragen an Mike Laskewitz, Tourismusverband Prignitz e.V.
Das Königsgrab von Seddin gehört zu den bedeutendsten bronzezeitlichen Fundstätten Norddeutschlands. Doch vor Ort ist davon kaum etwas zu sehen. Der AR-Demonstrator „Zeitschätze Prignitz“ macht diese unsichtbare Geschichte erlebbar. Mithilfe eines 3D-Modells, historischen Fotos, Drohnenaufnahmen und einer fiktiven Familie, die durch drei Stationen führt. Mike Laskewitz, Geschäftsführer des Tourismusverbands Prignitz e.V., berichtet.
AR macht Geschichte sichtbar am Königsgrab von Seddin
Tourismusnetzwerk: Der Grabhügel von Seddin bietet oberiridisch nur wenige Anhaltspunkte für die archäologische Bedeutung der Stätte. Was kann die AR Technologie zusätzlich für die Besuchenden sichtbar machen?
Mike Laskewitz: Mit der AR-Technologie kann man die analogen Informationen, die schon vor Ort vorhanden sind, noch mal besser vermitteln und um weitere Erkenntnisse erweitern. Der Gast hat die Möglichkeit, noch besser in die Zeit und in die Geschichte einzutauchen. Mit dem Projekt konnten wir die jüngsten Grabungsergebnisse am Hügel, aber vielmehr auch das Umland, einbinden. Bei so einem großen Grab muss es auch eine Siedlung gegeben haben. Dieses Siedlungsgebiet wurde jüngst auch gefunden und auch das mögliche Königshaus, da der Grundriss größer ist, als die bis dahin bekannten Größen eines Hauses aus der Bronzezeit. Diese neuen Ergebnisse konnten wir mit einbinden. Zusammengefasst, mit der Technologie kann man mehr, besser und interessanter die relevanten Informationen vermitteln.
Tourismusnetzwerk: Bei dem Projekt gab es viele Mitwirkende: Der Softwareentwickler Zaubar, Denkmalschutzbehörden in Kreis und Land, die Agentur Kreativköpfe, das Archäologische Landesmuseum sowie die TMB Tourismus-Marketing Brandenburg. Wie lief das Zusammenspiel so vieler Beteiligter?
Mike Laskewitz: Grundsätzlich muss man zuerst der TMB danken, da sie die Möglichkeit geschaffen haben. Für uns kam diese Initiative genau richtig. Wir hatten neue Grabungsergebnisse vom Hügel und der Umgebung, die wir jetzt richtig gut vermarkten können. So ein Projekt macht auch nur Sinn, wenn echte und valide Informationen vermittelt werden. Also wissenschaftlich fundierte. In dem Zusammenhang muss man deutlich dem unteren Denkmalschutz im Landkreis Prignitz danken. Auch ihr Kontakt zum Landesmuseum und die Zusammenarbeit bei der Forschung und den Grabungen mit den Wissenschaftlern vor Ort sind hervorzuheben. Hier wird deutlich, dass Tourismus, regionale Geschichte und Archäologie sehr gut zusammenspielen, um Wertschöpfung vor Ort zu generieren, Erlebnispunkte zu schaffen und die Aufenthaltsqualität für Gäste zu verbessern.
Tourismusnetzwerk: Welche Bedeutung hat das Projekt für die weitere Erschließung des Archäologischen Parks Königsgrab von Seddin?
Mike Laskewitz: Hier macht die Digitalisierung richtig Sinn. Das Projekt erzielt eine Aufwertung unseres Gesamtprojektes „Zeitschätze Prignitz“ - Zentrale Archäologische Orte. Der Grabhügel von Seddin ist nur eine Station bei diesem Projekt. Wir wollen jetzt auch die anderen Orte mit der AR-Technologie aufwerten. Denn es ist Vieles so nicht sichtbar, was dadurch aber sichtbar wird.
Mike Laskewitz
Tourismusverband Prignitz e.V.
Großer Markt 4
19348 Perleberg
Deutschland
Erkenntnisse und Nutzen für die Praxis
Die Projektergebnisse zeigen, dass AR touristische Angebote nachhaltig aufwerten kann, wenn sie sinnvoll in die Besucherführung integriert wird. Besonders erfolgreich ist die Technologie dort, wo sie eine Brücke zwischen Emotion und Information schlägt. Besucherinnen und Besucher nehmen Inhalte intensiver wahr, wenn sie selbst interagieren können.
Dennoch bleibt AR eine Technologie, die sorgfältige Planung erfordert. Technische Hürden können von der Internetverbindung bis zu unterschiedlichen Endgeräten reichen. Zudem ist eine klare Besucherführung nötig, damit Nutzer wissen, wo und wie ein Erlebnis startet.
Für Brandenburg ist das Projekt aber vor allem ein Testfeld, das Mut macht: Die Demonstratoren zeigen, dass innovative Inhalte auch abseits großer Metropolen realisierbar sind.
Kontakt
Benedict Kelly
TMB Tourismus-Marketing Brandenburg GmbH
Babelsberger Str. 26
14473 Potsdam
Deutschland